Kolumne September 2017

Vertrauen kann wachsen, wenn Stille sein darf.

Mir selbst geht es in Trauergesprächen gar nicht selten so, dass, wenn wir auf die Frage kommen Wie hat sich denn Ihr Vater den Tod vorgestellt?, den Beteiligten oft bewusst wird, dass sie das Thema im Leben ausgespart haben. Oder die Frage nach dem Danach. Der Vater ging wohl von irgendwas aus, aber was das genau war…? – das entzieht sich.

Ich erlebe es auch immer wieder, dass Hinterbliebene sich sehr unterstützt fühlen, wenn sie solche Fragen im Vorfeld besprechen konnten. Wenn der Vater mit ihnen gesprochen hat, auch darüber, was es für ihn selber heißt, auf den Tod zuzugehen.

Im Vorfeld des Todes über den Tod zu sprechen, das scheint etwas Gefahrvolles zu sein. Das scheint einem den Tod geradezu herbeizurufen. Wie ein Flüstern, das man da über die Schulter her vernimmt. Und so lässt man es oft und oft bleiben.

Ich lehne mich jetzt vielleicht gar nicht weit aus dem Fenster, wenn ich sage: Wir haben es zumeist nicht gelernt uns zu zeigen. Also uns mit unseren Ängsten. Mit unseren Unsicherheiten. Mit unserem Nichtwissen. Dann sind wir ja schwach. Und recht Vieles in unserer Gegenwartskultur hierzulande will genau dies nicht: Schwach sein. Schwäche zeigen. Unsicherheit eingestehen. Und so kommt das, was wir verschweigen, das, woran wir uns nicht wagen, nicht ins Licht des Bewusstseins.

Oft und oft sind wir nicht gewohnt, von anderen Menschen ein Ohr geschenkt zu bekommen. Gerade auch für die großen Fragen. Und so schweigen wir sie, wenn sie auftauchen, oft weg. Weg, das ist: In den Schatten. Aber was wir beschweigen, behält seine Kraft, und es treibt seine Wurzeln. Samt Spross und Blüten. Das ist ein Gesetz.

Aus solchen Erfahrungen bin ich zu der Erkenntnis gekommen, dass wir lernen müssen, still zu werden.

Das überrascht jetzt vielleicht. Denn oben sage ich ja gerade, dass wir die großen Fragen um Tod und Sterben in ungut wirkender Art beschweigen. Lernen zu müssen, still zu werden, das meine ich in dem Sinne, dass wir die vielen Gedanken, die vielen Ängste, die wir halt haben, überhaupt erst richtig wahrzunehmen beginnen, wenn wir still werden können. Dann tauchen sie auf aus dem Schatten und gewinnen Kontur, werden greifbar, für-wahr-nehmbar. Und erst wenn wir sie so wahrnehmen, können wir sie benennen. Wenn wir sie aber benennen können, können wir mit ihnen umgehen. Vorher gehen sie mit uns um. Früher hätte man gesagt: Gehen sie um.

Also still werden. Lernen in sich hineinzulauschen. In den Sturm in der eigenen Seele. Wächter der eigenen Windstille werden wollen. Immer wieder. Und wieder. Das ist eine Aufgabe.

Und die hat Auswirkungen in verschiedener Art. Eine davon ist, dass man, weil man in sich selbst hineinlauschen lernt, die Fähigkeit sich erwirbt, auch den Andern zu hören. Und das merkt der dann auch. Er sagt es zwar vielleicht nicht. Aber er merkt es. Und irgendwann mag es so sein, dass er wagt, der Andere, mir etwas zu sagen. Mir zu erzählen von dem, was ihn sorgt. Was ihm unbekannt ist. Was ihm Angst macht.

Das allein bereits ist ein Geschenk.

Und es kann eine Frucht dessen sein, dass man für sich lernt, mehr und mehr stille zu sein. Dann kann mein Gegenüber beginnen, von mir gehört zu werden. Das Geschenk ist: Begegnung. Von Ich zu Ich. Innen.

Die großen Fragen, denke ich – vielleicht immer noch nicht weit aus dem Fenster gelehnt – die können wir nicht bewegen, wenn der Sturm in uns tobt. Weil dann der Sturm, nicht wir selbst, unser Wort führt.

 

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Neben diesen Gedanken zu innerer Arbeit möchte ich gern auf drei Veranstaltungen hinweisen, die sich, von unterschiedlichen Richtungen her kommend, speziell den Themen Geburt und Tod, Leben und Sterben, Feiern und Trauern widmen. Sie finden in der unten angegebenen Reihenfolge alle noch im Jahr 2017 statt.

 

  1. http://www.leben-sterben-feiern.de/programm_2017.html
  2. https://www.schloss-tempelhof.de/veranstaltung/die-wandlung-sterben-als-teil-des-lebens/
  3. https://www.goetheanum.org/veranstaltungen/tagungen/sterbekulturtagung/

 

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