Kolumne Oktober 2017

In dieser Oktober-Kolumne kommt Simone Specht zu Wort. Sie lebt im Gemeinschaftsprojekt Schloss Tempelhof im Norden Baden-Württembergs.

Im vergangenen Jahr hat sie zusammen mit Maike Hagenguth aus Freiburg ein Filmprojekt realisiert. Mit der Kamera hat sie Maike und ihre Oma auf der Spurensuche in ihrer Familiengeschichte begleitet. Dabei ist der Dokumentarfilm Ahnenfrieden entstanden, der 2017 seine Premiere hatte.

Simone Specht interessierte die Frage, wie wir mit den Geschichten in unseren Familien umgehen – was wir besprechen und was wir beschweigen. Was wir betrauern und was nicht. Welche dieser Geschichten nicht nur persönlich sind, sondern in vielen Familien auf ähnliche Weise vorkommen, und damit etwas Kollektives aufzeigen.

Im Falle ihrer Dokumentation geht es um eine persönliche Geschichte, die stellvertretend für viele in unserer Gesellschaft stehen kann: Über Jahrzehnte hinweg wurde in der Protagonistenfamilie weder über den Zweiten Weltkrieg noch über den Vater gesprochen, der in den damaligen Kämpfen in Russland ums Leben kam. Damals und auch später gab nie einen wirklich Abschied.

 

Simone Specht schreibt dazu:

Ich kann anknüpfen an das, was Markus Anders in seiner September-Kolumne beschrieben hat. Über etwas zu sprechen kann schwerfallen. Es kann gefahrvoll sein. Das gilt nicht nur für den Tod. Sondern z. B. auch für vieles, was im Zweiten Weltkrieg geschehen ist. Darüber hat eine ganze Generation vor allem geschwiegen. Wohl mit einer Art von Schweigen, das nicht zulassen wollte, nicht zulassen konnte, das Geschehene zu benennen. Als ließe sich dadurch vermeiden, all dem Unfassbaren die Wirklichkeit zuzugestehen.

Im vergangenen Jahr ist der Dokumentarfilm Ahnenfrieden entstanden. Darin erzählt Ingrid, die 1935 geborene Protagonistin, dass ihre Mutter mit ihr ein Leben lang nicht über die Kriegszeit und über ihren in Russland gefallenen Mann, Ingrids Vater, gesprochen hat. Die Feldpostbriefe von ihm hat Ingrid erst nach dem Tod ihrer Mutter in deren privatem Ordner gefunden.

Was geschieht mit dem, das wir nicht zulassen, mit dem, dem wir die Wirklichkeit nicht zugestehen? Können wir darüber überhaupt trauern? Können wir damit einen heilsamen Umgang finden?

Manchmal braucht es Abstand, um den Blick auf das Geschehene erst wieder zulassen zu können.

In Ingrids Leben ist es Maike, ihre Enkelin, die anfängt Fragen zu stellen über Ingrids Vater Adolf. Wer er war. Welche Erinnerungen es gibt. Wie die Nachricht von seinem Tod sie erreichte. Maike ist eine Brückenbauerin zu ihrer Oma, und damit zu einer Generation, die es nicht gelernt hat zu sprechen, nicht gelernt hat zu trauern. Maike reicht die Hand, und Ingrid hat den Mut sie zu nehmen, den Mut, sich auf die innere und äußere Suche nach ihrem Vater zu machen. Zusammen mit Maike und deren Partner Matthias macht sie sich auf die Reise nach Russland, um den Ort zu finden, an dem ihr Vater begraben ist, um den bis heute fehlenden Abschied nachzuholen.

Diese Reise dort fühlt sich für Ingrid „wie ein Wunder“ an: dass die Grabstelle gefunden wurde, dass sie Alja treffen, eine 1931 geborene Russin, die von den Gräbern weiß und ihnen die Stelle zeigt.

Aljas Gastfreundschaft ist herzlich. Sie lädt in ihr Wohnzimmer ein, und dort sitzen sich die zwei Frauen gegenüber, beide mit der Erfahrung des Krieges, beide mit dem Verlust ihrer Väter im Krieg. Zwei Geschichten, ganz ähnlich. Alja lässt teilhaben an der Geschichte ihres Verlustes damals. Und spricht vom Schrecken des Krieges.

Da wird Wirklichkeit bewusst, die in unserer Mitte sein darf, die bezeugt werden darf. Die Stille, die im Gespräch der beiden Frauen auch lebt, erlaubt anzuerkennen, erlaubt, die Unfassbarkeit und die Trauer zu spüren. Erlaubt in all dem das Empfinden von Verbundenheit im gemeinsamen Menschsein.

Später, an der Stelle der früheren Gräber. Genau 75 Jahre nach dem Tod von Ingrids Vater wird nachgeholt, was bisher nicht stattgefunden hat. Matthias gestaltet den Rahmen für die Feier. Ingrid und Maike sprechen zu Adolf, würdigen sein Leben und geben dem Abschied und der Trauer Raum. Für das Herz scheinen die Jahre dazwischen wenig relevant zu sein.

Für mich als halb-Außenstehende ist die Verbindung von beiden zu dem Verstorbenen sehr spürbar, und in all dem die Anerkennung – die Anerkennung dafür, dass er beiden das Leben bereitet hat; dass er so früh „gehen musste“; dass die Trauer und der Wunsch nach Abschied sein dürfen und wollen, auch wenn der Zeitpunkt des Todes so lange zurück liegt.

Am Abend, zurück im Hotel, ist viel Freude und Dankbarkeit zu spüren. Ingrid sagt, für sie ist es, „als hätte sich nun ein Kreis geschlossen“.

Als Filmemacherin durfte ich an einem Ausschnitt einer Lebensgeschichte teilhaben. Ich durfte mit der Kamera begleiten, wie etwas, über das so lange geschwiegen wurde und was nicht betrauert wurde, Raum bekommen hat. Ich durfte miterleben, wie wohltuend und wie friedensstiftend es für die Beteiligten war, wie viel Verbundenheit und Freude entstanden ist, indem etwas, das lange im Schweigen lag, gewürdigt wurde.

Das hat mich berührt. Mein Anliegen ist es, dass der Film dazu einlädt, Themen in die Mitte zu bringen und Räume zu öffnen für das Ungesagte, für das Nicht-Betrauerte.

 

Der Dokumentarfilm Ahnenfrieden ist zu sehen

Do. 26.10.2017    19.00 Uhr   Friedenstage, Kreisverwaltung
Uhlandstr. 2, 67292 Kirchheimbolanden
Fr. 27.10.2017    20.00 Uhr Schloss Tempelhof
Tempelhof 3, 74594 Kreßberg
Do.  07.12.2017 19.30 Uhr Kommunales Kino
Urachstr. 40, 79102 Freiburg
Do.  15.03.2018 19.00 Uhr Bestattungen Drews
Mommsenstr. 1, 10629 Berlin
Fr.  16.03.2018 19.00 Uhr Mehrgenerationenhaus Phoenix
Teltower Damm 228, 14167 Berlin

Kontakt Simone Specht: mail@simone-specht.de

Weitere Veranstaltungen sind in Planung und werden auf der Internetseite zum Film veröffentlicht.

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