Kolumne November 2017

Im November schreibt Monika Pfenninger, Mitglied im Initiativkreis der Arbeitsgemeinschaft Sterbekultur in der Schweiz (www.sterbekultur.ch), über ihre Erfahrungen mit Anzeichen des nahenden Todes, die sich bei sterbenden Menschen in ihrem Umkreis gezeigt haben. Anzeichen, die ihr im Nachhinein immer deutlicher ins Bewusstsein traten.

 

„Anzeichen“.

Vom Wahrnehmen im Augenblick und vom Offenbarwerden mit der Zeit.

 

Nach dem Tod eines geliebten Menschen, manchmal lange Zeit danach, tauchen Zeichen auf, Erinnerungen, die Zukünftiges beleuchten – war man zu wenig wach, diese Sprache im Augenblick zu verstehen? Nach Tagen, Wochen, kommen mit den gefühlten Erinnerungen in Blitzeseile oder von weit her „Aha – Erlebnisse“, man beginnt die tiefe Bedeutung der Botschaft zu ahnen.

Ich wundere mich noch immer, wie viele Zeichen des nahenden Todes meines Mannes erst im Nachhinein „lesbar“ wurden. War ich blind? Wurde ich geschützt? Sollte mir später Trost daraus erwachsen?

In den letzten Jahren sind einige mir nahestehende Menschen über die Schwelle gegangen. Vier davon schenkten mir das Dabeisein im Todesmoment. Diese Geschenke, sie sind mir Licht geworden für meinen Alltag – in mir ist ein Same aufgegangen. Diesen Samen des Fühlens und Verstehens will ich weiter nähren.

Markus Anders hat mich gebeten, zu erläutern, was mir denn Sicherheit gebe, diesen Zeichen zu vertrauen, i. S. von „Buchstaben einer Sprache“, wie mein Lernweg sei und inwiefern dies mir helfe?

Was soll ich sagen? Ich habe diese Art Sprache nicht bewusst gesucht – die Ereignisse kamen auf mich zu, beim Erinnern tauchen diese „Buchstaben“ aus meinem Innern auf und ich fühle mich beschenkt, es bilden sich allmählich Worte, die ich verstehe… Ahnen, ja wissen kann ich inzwischen, dass die Ereignisse nie zufällig einfach passieren.

Was mir schon immer ganz klar war, seit dem 11. Lebensjahr, dass ich erneut hier auf der Erde in einem Körper lebe und lerne. Die Wiedergeburt war mir nie eine Frage.

Im Nachklang fühle ich immer wieder große Achtung vor der weisen und sinnvollen Gestaltung und Komposition der Lebenswege.

Die Wahrheit – als eine Wesenheit –  zu fühlen und zu verstehen bin ich am Üben. Im Sinne wie Christus sagt: „Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben“. Dass dies ein langer, langer Übungsweg ist, dessen bin ich mir bewusst!

Im Materiellen kann man alles beweisen. Im Geistigen nicht, da erlebe ich, da bin ich ganz auf mich selber gestellt.

Die Liebe und Empathie ist die Kraft, die uns unsere körperliche Begrenzung überwinden lässt. Ich lerne immer mehr offen zu sein – im Zwiegespräch mit mir selber, mit meiner „inneren Instanz“, beginne ich bescheidene Schrittchen zu tun.

Es ist ein Unterschied, ob man etwas selber erlebt hat oder nur gelesen oder gehört – wenn man es erlebt hat, dann hat man Freude oder Schmerz gefühlt und ist mit seinem „Selbst“ dabei gewesen.

Erfahren durfte ich auch, wie Erinnerungen erlebter und gefühlter Ereignisse durch zeitlichen Abstand eine immer größere „Durchsichtigkeit“ zeigen.

Ja, die beschriebenen Erlebnisse, sie stärken meine Zuversicht ins Leben und Sterben.

Ich bitte, in diesem Sinne die folgenden Schilderungen zu lesen – vielleicht kann ja etwas davon in Ihren Seelen mitschwingen.

 

Gerne möchte ich erzählen:

Juli 2009

Einige Monate vor dem Tod meines Mannes Kaspar, 66-jährig – es zeigten sich noch keine Anzeichen einer Krankheit, sagte er ganz unverhofft:

„Du, meine Biografie könnte eigentlich abgeschlossen sein!“ Erstaunt bemühte ich mich herauszufinden: „Warum denn? Willst du sterben?“ Er: „Nein, nein, ich hab einfach das Gefühl, dass mein Leben hier auf der Erde jetzt abgerundet ist.“

 

Oktober 2009

Kaspar war sein Leben lang liebend gern gewandert, in den Bergen, in der Natur. Nach einer Wanderung mit Freunden an einem Sonntagabend im Oktober sagte er klar und überzeugt: „Nun bin ich in meinem Leben genug gewandert. Das muss ich nun nicht mehr haben!“

Ende Dezember 2009: Diagnose: „Aggressiver Bauchspeicheldrüsenkrebs“.

 

Juni 2010

Ich hatte Kaspar vor seinem Tod noch einen Text vorgelesen. Der war aus einem Buch, das mich selbst seit Jahrzehnten begleitet, ein Buch innerer Schulung, es gehörte zu meinem inneren Weg.

Dass es gerade dieses Buch war, das ich zur Hand genommen und aus dem ich Kaspar bis zu seinem Todesmoment vorgelesen hatte, das machte mich im Nachhinein doch sehr unsicher: hatte das Buch doch vielleicht viel mehr mit mir als mit ihm zu tun?! Starke Zweifel begannen an mir zu nagen. Über Wochen!

Eines Morgens gerät mir aber überraschend Kaspars eigenes Exemplar des gleichen Buches in die Hand. Mit dem Gedanken: was er wohl zuletzt darin noch gelesen hat? schlage ich es auf, und komme an die Stelle, aus der ich selbst ihm zuletzt noch vorgelesen hatte, und ich sehe: ein Markierzettel klebt genau dort! – Was für ein Staunen! Es ist genau diese Stelle! Er hatte sie sich selber markiert.

 

***

 

1987

Mein Grossmueti, 86-jährig, lebte im Altersheim in Unterägeri. Meine Mutter hatte sie an diesem Tag mit meinen zwei älteren Töchtern, 6- und 4-jährig, besucht – ich blieb mit meiner jüngsten zu Hause. Um 12:00 Uhr kam ein Telefonanruf, dass Grossmueti einen Schlaganfall erlitten habe und nun ohne Bewusstsein in ihrem Bett liege. „Bitte komm, hole deine Kinder ab.“ Eine Stunde später war ich da.

Meine Mutter sagte laut: „Schau, Mueti, wer da ist!“ Ich stand vor dem Bett, ohne Erwartung: In dem Moment öffnete Grossmueti ihre Augen und schenkte mir einen viel-… so vielsagenden, liebenden, leuchtenden Blick, ihren allerletzten! Ihre Augen öffnete sie nicht mehr, bis sie zwei Tage später starb.

Diese Wärme, sie hält sich bis heute! Der reiche Inhalt der „Botschaft“ ging mir erst viele Jahre später auf.

 

***

 

Mai 2008

In unserem Mietshaus lebte im unteren Stockwerk ein 96-jähriger, liebenswerter Mann, Emil – er war fast blind, wollte jedoch so lange wie möglich selbständig leben. Schon 45 Jahre war diese Wohnung sein Zuhause.

Wir, Kaspar und ich, waren schon länger telefonisch mit ihm über eine Notglocke verbunden.

Diese weckte uns am Morgen des 8. Mai um 4:00 Uhr – wir eilten nach unten.

Emil saß lachend neben seinem Bett, war vom Nacht-Stuhl gefallen und konnte nicht mehr selber ins Bett zurück. Aber auch wir schafften es diesmal nicht, ihn ins Bett zu heben. So riefen wir die Ambulanz.

Bis diese eintraf, erzählte Emil uns seinen letzten Traum: … seine, kürzlich verstorbene Freundin habe er getroffen, auf dem „Kilimandscharo“ einem der höchsten Berge in Afrika, betonte er.

Sie habe früher immer „Kili-mangiare“ gesagt („essen“ auf italienisch), habe es einfach nicht lernen wollen, diesen Namen richtig auszusprechen!

Er lachte so fröhlich und sprach noch einiges über diese Frau und seine Beziehung zu ihr.

Die Sanitäterin und ein Sanitäter haben Emil links und rechts unter dem Arm gefasst und auf die Füße gestellt … ich hörte Emil in diesem Moment froh, staunend ausrufen: „Oh! Oh!“  – die Helfer legten ihn aufs Bett – er atmete leise noch zwei Mal ein und aus – dann verließ er seinen Leib ganz sanft!

Andachtsvolle, heilige Stille und Freude erfüllte den Raum…

 

***

 

Dezember 2010

Meine Mutter, bald 91 Jahre alt, nachdem sie monatelang tapfer gerungen hatte mit Schlaganfall, Spracheinschränkung, Armbruch, Demenz, weinte sie verzweifelt und sagte aus tiefster Seele zu mir: „Ich mag nümme!“ Das war 10 Tage vor ihrem Tod.

 

***

 

2016

Eine Freundin von mir verlässt morgens die Wohnung, um zur Arbeit zu gehen. Ihr Mann, ca. 58-jährig, fühlt sich nicht wohl –  er verabschiedet sich mit einer warmen Umarmung und einem Kuss, was er schon lange nicht mehr getan habe.

Abends findet sie ihn auf dem Sofa liegend, -„ah, er schläft“ – denkt sie. Die ganze Wohnung ist geputzt und aufgeräumt, der Kühlschrank voll mit Lebensmitteln, seine Schuhe gewichst, stehen nebeneinander nahe dem Sofa… , es vergehen Minuten, bis sie merkt, dass er gestorben ist. –

 

***

 

Fragen kreisen um das Geschehene, und Antworten offenbaren sich immer kräftiger, je mehr Zeit vergangen ist.

Die eigene Aufmerksamkeit wird wacher, auch im Alltagsgeschehen. Wie lerne ich die Sprache lesen? Kann ich Aufmerksamkeit üben?

Ich bin jetzt 67 Jahre alt. Wenn ich über Ereignisse in meinem Leben nachdenke, auch an Lebens-Situationen, die ans Sterben erinnern, z. B. Trennung, Scheidung, Kündigung, Pensionierung… dann werden vorausgegangene Anzeichen heller – und die Lebenssprache deutlicher.

Der Same des Vertrauens in Leben und Sterben wächst.

 

Wenn hier das Leben tägliches

Sterben ist, ja, wenn der Tod

die Quelle des Lebens ist,

o Menschenkind, was säumst

du sterbend wiedergeboren

das Licht zu grüßen?

(Johannes Kepler)

 

Monika Pfenninger, Zürich

 

 

(zurück zur Startseite) (Archiv)