Kolumne Juni 2018

Trauer, Klage, Dialog

 

Zu den Gesprächen, die ich mit Angehörigen führe, um eine Trauerfeier vorzubereiten, gehört es, dass beide Seiten ein wenig Zeit brauchen, um einander kennenzulernen.

Ich habe großen Respekt davor, wenn Menschen sich auf das gar nicht kleine Wagnis einlassen, dass da jetzt ein Redner zu ihnen nach Hause kommt, den sie meist gar nicht kennen. Man bekam ihn vielleicht vom Bestatter oder von Freunden empfohlen oder man wurde aufmerksam auf ihn durch eine Homepage oder einen Flyer. Wie auch immer – meist ist man sich erst einmal fremd. Es ist also ein kleines Wagnis. Und es ist ein Wagnis, sich zu öffnen. Soweit ich das sehe, zieht sich das insgesamt durch unsere Kultur in Deutschland, in Mitteleuropa. (Ich meine das echte Sichzeigen, ich meine nicht social media.) Wir tragen unser Herz nicht auf der Zunge. Wir zeigen unseren Schmerz meist nicht öffentlich. In diesem Sinne verstanden – klagen wir nicht.

Dass das in anderen Kulturen ganz anders sein kann, zeigt sich zum Beispiel im südlichen Griechenland, auf der Halbinsel Mani, wo es eine kraftvolle Klagekultur gibt, die bis heute lebt. Dort drückt sich der seelische Schmerz mitunter in lautstarkem Wehklagen aus. Dass das sehr heilsam sein kann, zeigt beispielsweise die seit Jahrzehnten erfolgreiche Arbeit des Musikers und Seelenforschers Dr. Jorgos Canacakis (http://www.trauerseminare-akademie-dr-canacakis.de/ich-sehe-deine-traenen.html).

Doch nur wenige Menschen kennen bislang diese Arbeit, und ich sehe mich in Anbetracht der vielen Gespräche, die ich mit Angehörigen führe, immer wieder berührt von der Frage, was uns Not tut und was wir brauchen, was uns schnell und ganz direkt helfen kann, wenn wir trauern. Was uns jetzt erstmal ganz „einfach“ weiterhilft. Wie eine Art Erste Hilfe. Und es zeigt sich mir wieder und wieder, dass es so etwas gibt. Dass es jedem von uns, egal aus welcher Kultur er auch stammt, mitgegeben ist.

Es ist das echte Zuhören.

Jeder von uns kann es. Nur ist es oft so, dass wir es lange eingeübt haben, über unser Zuhören hinwegzureden. Dass wir in entsprechenden Situationen zwar oft und durchaus sowas spüren wie: „Jetzt kann ich gar nichts sagen. Da kann kein Wort und nichts helfen.“ Dass wir aber dann oft leider doch meinen, sprechen zu müssen. Und merken mitunter sofort, wie schal es doch ist, was wir sagen.

Ich hoffe, ich kann mich verständlich machen. Mir geht es hier darum, dass wir es „einfach“ wieder öfter wagen, dem Zuhören seinen Raum zurückzugeben. In uns. Für den Andern. Dass wir es wagen, selber zu schweigen und den Anderen mitzutragen in dem, dass er halt grad alles hat, nur kein Wort! Und dass er grad alles braucht, aber bitte kein Wort!

Wie oft ist´s, dass wir aus (verständlicher) Unsicherheit heraus reden! Weil wir es gar nicht gewohnt sind, dass wir unsicher sein dürfen. Und schweigen. Dürfen.

Jede und jeder kennt doch auch dieses: dass es so verschiedene Arten des Schweigens gibt. Das angespannte oder das ungewisse oder auch das Schweigen, das einen umhüllt wie ein wärmender Mantel. Ich glaube, dass wir allzuoft befürchten, dass das Schweigen nur eine Abwesenheit von etwas ist. Eine Leere, die man füllen müsste. Und dass man deswegen reden müsste. Dabei wissen wir doch – glaube ich – im eigenen Herzen: dass uns das Schweigen einen ganz neuen Raum aufmachen kann. Einen tieferen Raum im eigenen Dasein. Und dort drin, in diesem inneren Raum, wo einer dem Anderen lauschend entgegenschweigt und es aushält, dass auch der Andre nichts sagen muss, gar keine Worte, grad auch im Schmerz nicht, in diesem Raum kann man einander begegnen.

Ich glaube, das ist ein Dialog der tieferen Art. Und ich glaube, er hilft und er heilt.

 

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