Kolumne Juli 2017

Fragen zur Musik, Teil 1

 

Zu einer Abschiedsfeier gehört oft Musik. Und wenn man vor der Frage steht: „Welche Musik passt zu unserer Abschiedsfeier?“, dann ist ein naheliegender Gedanke oft der, dass man sagt: „Der Vater hat gerne diese oder jene Musik gehört. Dieses Lied, dieses Stück. Sei es im Radio, sei´s von der CD oder auch im Konzert.“ Es kommt aber auch oft vor, dass man als Angehöriger merkt: „Tja, das ist gar nicht so leicht, hm, also, wenn er Musik gemocht hat, dann… vielleicht… dieses Lied…“ Mitunter bleibt man da im Ungewissen stecken. Vor allem, wenn keine genauen Hinweise hinterlassen wurden. Oft versucht man als Angehöriger dann, sich irgendwie zu orientieren am Musikgeschmack des Verstorbenen. Und das ist tatsächlich eine wichtige Stütze. Gerade wenn man eine Trauerfeier ohne konfessionellen Rahmen gestalten will. Kirchenlieder kommen ja oft aus demselben Grund nicht in Betracht, aus dem insgesamt keine amtskirchliche Feier gewünscht wird.

Wenn ich als Leiter von Abschiedsfeiern die Frage nach der passenden Musik aber noch weiter denke, dann kommt neben dem Musikgeschmack des Verstorbenen noch ein weiterer Gesichtspunkt ins Blickfeld. Nämlich dass es ja neben dem Verstorbenen die Angehörigen selbst sind, denen die Musik helfen kann und soll. Das muss nicht notwendig nur die Musik sein, die der Verstorbene mochte.

Musik kann uns helfen. Tonarten, Melodien, harmonische Gefüge und Rhythmen hängen zusammen mit tief-innerlichen Prozessen unserer Seele. Bestimmte Musik bewegt uns in bestimmter Weise. Das geschieht meist unbewusst.

Meiner Erfahrung nach spielt Musik in einer Trauerfeier insofern eine tragende Rolle, als dass sie die seelische Bewegung der Anwesenden aufnehmen und mit ihr umgehen kann. Wenn es gar improvisierte Musik ist, die ganz aus dem Augenblick heraus geschöpft wird, gilt das besonders.

Sie kennen das vielleicht: Wenn es einem einmal nicht gut geht und man mit jemandem darüber spricht, dann kann es sein, dass man vom Anderen nicht gleich einen Ratschlag braucht, was man tun oder lassen soll. Sondern vielleicht „nur“ jemanden braucht, der einem zuhört und einen sein lässt mit allem, was grade da ist. Der einem nicht sagt, wie´s geht! So kann es auch mit Musik sein. Sie kann mich lassen. Mit allem, was in mir ist. Sie kann mich mir selbst wieder spürbarer machen. Ganz ohne Worte kann sie meine innere Welt bezeugen. In diesem Sinn hat sie heilende Kräfte. Denn ein Verlust hat eine Wunde in mir gerissen.

Kürzlich kam ich mit Angehörigen wieder an die Frage: „Welche Musik wird gespielt?“ Nachdem die Lieblingsmusiken des Verstorbenen genannt worden waren, sagte ich: „Eine Trauerfeier begreife ich als eine Feier für zwei Seiten: Für den verstorbenen Menschen auf der einen Seite und für die Angehörigen auf der anderen Seite. Für beide Seiten gleich wirklich.“ Dann haben wir versuchsweise diesen ersten Gedanken Lieblingsmusiken losgelassen. Und stattdessen hingelauscht ins eigene Herz: „Was klingt da? Wie fühlt sich das an? Sind das schmetternde Fanfaren? Oder sind das eher leise und webende Klänge, ganz wie von einem von ferne kommenden Wind? Ist das ein klingender Wald? Oder eine zitternde Saite? Ist das ein Herzschlag auf hölzerner Trommel? Oder ein feiner Gesang?“ Diese Fragen haben wir nicht gedanklich-intellektuell, sondern als Herzgedanken bewegt. Und da tauchte ganz von selbst, aus diesen Fragen, die Antwort auf, dass es Harfenmusik war! Harfenklang zum Beginn, wo auch Lichter entzündet werden würden für den Verstorbenen, und Harfenklang zum Ende, zum letzten Geleit, ganz zum Schluss… Wir haben also hineingelauscht in ins selbst, und wir haben so ans Licht des Bewusstseins heben können, was wie schon längst da war, bevor wir´s noch wussten! Wir können das finden. Wenn wir unserem Herzen Zeit geben und vertrauen, dass da schon was ist. Dann steigt es von ganz allein auf.

Gute Musiker kennen diesen Vorgang sehr gut. Gerade auch, wenn sie frei spielen, wenn sie improvisieren. Dann erleben sie im eigenen Inneren das, was ihnen entgegenkommt. Von den Zuhörern her, und aus der eigenen Tiefe. Da entsteht ein inneres Band zwischen Hörern und Musikern, ein lebendiges Band. Und darein gewoben sind auch Klage und Schmerz und die Angst und das Nichtwissenwie. Eben alles, was da ist. Musik ist klingende Verbindung von innen her. Lebendige (live) Musik hat tragende Kraft. Sie bezeugt unser Sein. Ganz jetzt!

Und wenn man noch einen weiteren Schritt gehen mag, dann kann man auch lernen, Unterschiede festzustellen zwischen lebender Musik und gespeicherten Klängen. Also CDs, mp3s usw., die elektronisch abgespielt werden. Die Unterschiede sind erlebbar und von seelischer Art. Wenn man sich selbst in feiner Weise beobachtet, dann kann man das immer mehr wahrnehmen. Im Vergleich zur oben beschriebenen lebendigen Musik ist gespeicherte Musik letztlich starr. Sie ist aus den Bedingungen der technischen Aufnahme heraus notwendig immer dieselbe, sozusagen eingefroren. Lebendiger gegenseitiger Bezug ist nicht möglich, denn jedes Abspielen findet statt, ohne dass ein anwesender Hörer – einfach durch sein Dasein – im lebendigen Musiker etwas auslösen könnte, was dann neu zurückklingen könnte. Das geht nicht. Das Abspielen jeder technisch noch so perfekten Aufnahme ist also zwangsläufig etwas Abgelähmtes. Das hat auf uns, auf einer bestimmten Ebene – die wir uns allerdings meist nicht bewusst machen – , ablähmende Wirkung. Wir sind zwar meist nicht gewohnt, das in Worte zu fassen, doch es ist erlebbar. Fühlbar. Dass wir mit gespeicherter Musik vergleichsweise allein bleiben oder wie abgeschnitten: Wir hören zwar eine vielleicht perfekte Einspielung eines Musikstückes aus den Lautsprecherboxen, können aber nirgendwo andocken an einem lebendigen Gegenüber. Faktisch bleiben wir ohne Verbindung zum Ich eines Musikers, wie wir sie nur bei Live-Musik haben können. Zum Ich des Musikers, der weiß, dass wir da sind, jetzt. Und der auch selbst wiederum weiß, dass wir wissen, dass er für uns spielt. Das verändert sein Spiel, vertieft und belebt es. Und gerade diese innere Verbindung gehört zur tieferen Ebene dessen, was tragen und heilsam wirken kann!

In dem Zusammenhang finde ich es sehr eindrücklich, die unterschiedlichen Erfahrungen zu vergleichen, die ich habe, wenn in einer Feier eine Musik über einen Play-Knopf ausgelöst worden ist oder wenn eine Cellistin gespielt hat. Wenn ich über die Lautsprecheranlage einer Feierhalle ein berühmtes Orchester höre (das ich kenne oder auch nicht) oder wenn ein Hornist oder Trompeter am Grab steht und spielt. Vielleicht sogar mal mit einem Fehler! Ich erlebe das jedesmal als gewaltigen Unterschied. Und ich erinnere mich unterschiedlich an beides. Denn der Grad der inneren Berührung war anders.

Diese Erfahrungen sind mir für die Gespräche mit Angehörigen eine ungeheure Hilfe. Und weil das so ist, gebe ich sie hier gerne weiter.

(Im August kommen in einem zweiten Teil einige Musiker selber zu Wort.)

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