Kolumne Februar 2018

 

Offene Ränder

 

In einem alten englischen oder schottischen Volkslied heißt es:

„Tell her to make me a cambric shirt,
Parsley, sage, rosemary and thyme,
Without no seam nor fine needlework,
And then she’ll be a true love of mine.“ (Fußnote)

Ich denke sehr oft an diese Strophe, an genau diesen Vers: „Without no seam nor fine needlework“, wenn ich mit Angehörigen Verstorbener spreche, um die Abschiedsfeier vorzubereiten, und auch, wenn ich dann in der Feierhalle spreche.

Denn ich erlebe das, was ich höre und das, was ich spreche, als unfertig. Es hat keinen Saum, keine Naht. Es ist nicht abgeschlossen, ja, kann es nicht sein. Das, was ich im Gespräch erfahre. Das, was ich zur Würdigung eines gelebten Lebens in meiner Rede sagen kann.

Im vorbereitenden Gespräch höre ich etwas darüber, was den verstorbenen Menschen ausgemacht hat. Wie er im Leben stand. Wie er umging mit sich selbst und mit dem, was das Leben ihm brachte. Was er in die Welt brachte an Ereignissen. Wie er anderen Menschen begegnet ist. Darin zeigt sich die Spur seines Wesens.

Diese Spur in meiner Rede herauszuarbeiten, um dann in der Feier mitzuermöglichen, dass das Wesen des Menschen aufscheint, in uns selbst, das ist Teil meiner Aufgabe.

Wenn ich dann in der Feier am Pult stehe und spreche, dann sehe ich die Menschen, die gekommen sind, um Abschied zu nehmen, um ein Leben zu bezeugen, einen Weg, die Bedeutung des Menschen, um den es hier geht. Und wenn ich spreche, wird mir immer wieder deutlich, dass meine Worte ja doch nur eine Variante all dessen sind, was gesagt werden kann. Nur eine bestimmte Variante. Alle, die jetzt da sind, könnten eine andere Variante erzählen. Es würde Überschneidungen geben, und es würden vielleicht noch ganz neue Aspekte aufleuchten.

Es liegt also in der Sache selbst, dass meine Worte unfertig sind. „Ganzer“ können sie erst werden durch das, was in den Herzen derer lebt, die hier sind und trauern. Und auch das ist unfertig, offen, letztlich nicht festmachbar. Denn es trägt die Qualität alles Lebendigen: dass es beweglich ist, fließend. Es ragt hinein in das Leben der Anderen. Ins Lebendige der Erde, unser Lebensgewebe. Und so auch die Worte – ohne Naht, ohne Saum.

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Fußnote:

„Sag ihr, dass sie mir ein Hemd mache aus leichtem Geweb´,
Petersil´, Salbei, Rosmarin und Thymian, [Refrain in jeder Strophe]
ohne Saum, ohne fein´ Nadelgewirk,
und dann wird sie mir die Liebste sein.“

Aus dem englischen oder schottischen Volkslied „Are you going to Scarborough fair?“

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