Kolumne Dezember 2017

Stille Zeit

Die Adventszeit, die dunkle Zeit vor der Weihnacht und den Rauhnächten möchte ich zum Anlass nehmen, einen Gedanken zur Zeit und zur Stille zu verfolgen.

Ich frage mich: Wann nehme ich mir Zeit? Also: wann wirklich? Ich beobachte es an mir selbst und in meiner Umgebung, dass das gar nicht so einfach ist. Dass das nicht von selbst geht. Denn da sind viele Dinge, so Vieles, was zu erledigen ist. Und was duldet denn Aufschub, von sich aus? Die to-do-Listen, die man so im Kopf hat, haben oft kein Ende. Sie fordern. Weiter und weiter. Meine Erfahrung ist: wenn nicht ich selbst den Entschluss fasse und mir sage: so, jetzt bis hierhin, dann mache ich mal eine Pause,  – dann sagt mir das keiner sonst. Das kann gradezu ein Kraftakt sein.

Meine Zeit und mein Umgang mit ihr, das hat also zu tun mit mir selbst. Mit meinem Ich.

Und dann kann sich die Frage zeigen: Wie kann ich ein selbstständiges, sozusagen mehr und mehr selbstgeführtes Verhältnis zu meiner Lebenszeit gewinnen?

Um eine Sache genauer zu sehen, ist es oft gut, sie vor einem scharfen Kontrast anzuschauen. Was unsere Frage angeht, so erleben wir diesen Kontrast leicht in der Vorweihnachtszeit unserer Konsumbreitengrade. Der Kontrast zur Stille, das ist der lärmende, gehetzte Betrieb, das Getrieben-sein, das jetzt überall herrscht. Lautsprecher, Lichtreklamen, Werbebanner etc., laut, lärmig, grell und schnell, – ganz offensichtlich das Gegenteil dessen, wovon wir oft sagen, dass wir es uns wünschen. Wir kennen das. Und – wir machen das.

Die Vorweihnachtszeit kann uns – und sei´s grade durch den Kontrast des gerade beschriebenen Zerrbildes ihrer selbst – aufmerksam machen. Auf die Stille. Und natürlich kann das nicht nur die Vorweihnachtszeit – das ist ja die Kolumne eines Trauerredners – natürlich kann das auch: der Tod. Und alles was mit ihm zu tun hat. Der Tod bringt uns, wenn wir hinterbleiben, oft so radikal in die Stille, zum Schweigen, dass wir gar nicht mehr wissen, wie wir damit umgehen sollen. Wir haben es selten geübt oder gelernt.

Still zu werden braucht Kraft. Heute vielleicht mehr als in früheren Zeiten. Schweigen und zuhören, das ist stille Aktivität. In der Stille steigen wir in unsere Tiefe. Und können eine Ahnung bekommen von unserem Innenraum.

Und dass es dort hell werden kann, das lässt sich nicht sagen, nicht beschreiben. Da nützen die Worte nicht viel. Das lässt sich nur tun. Nur erfahren.

Ich wünsche Ihnen und uns allen, dass wir es immer wieder in Angriff nehmen: stille zu werden. Und zu spüren, wie sie sich anfühlt, die Stille. Und ich wünsche uns, dass wir sie dann wieder spüren: Unsere lebendige Zeit.

Wenn Sie Weihnachten Zeit haben, wenn Sie sie sich nehmen können und wollen, und wenn Sie noch einen Buch-Tipp haben möchten, dann gebe ich ihn gern: Den Märchen-Roman Momo von Michael Ende, indem er genau das beschreibt:  den Weg zur lebendigen Zeit und ihre Gefährdung – und schließlich ihre Rettung durch kindliche Kraft.

http://www.thienemann-esslinger.de/thienemann/buecher/buchdetailseite/momo-isbn-978-3-522-62111-3/

 

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