Kolumne August 2017

Fragen zur Musik. Teil 2:

Lebendige Musik hat neben dem Ritual und neben dem gesprochenen Wort in einer Trauerfeier eine tragende Funktion.

Schon seit meiner Musikhochschulzeit pflege ich zahlreiche Kontakte zu professionell ausgebildeten Musikerinnen und Musikern und Ensembles. Daher kann ich heute, wenn im Angehörigengespräch die Frage nach der passenden Musik aufkommt, aus vielen Möglichkeiten auswählen.

Singen wir selbst etwas? Spielt eine Harfe oder ein Horn? Oder singt eine Sängerin? Nicht alles passt in jedem Fall. Aber vieles wird möglich, wenn die Auswahl gegeben ist. Klassik, Kirchenmusik, Jazz, Pop und Folk. Musik nach Noten oder aus der Situation heraus neu entstehende, improvisierte Musik.

Vier Musikerinnen und Musiker, mit denen ich immer wieder zusammenarbeite, haben auf meine Bitte hin ein paar Zeilen zu ihrer eigenen Perspektive auf das Thema verfasst, und ich freue mich, dass ich Sie hier nun vorstellen kann!

 

Berenike Birth, Harfe:

Musik begleitet uns in nahezu allen Lebenssituationen, in glücklichen sowie traurigen Momenten.
Gerade bei einer Trauerfeier ist Musik ein nahezu unverzichtbarer Bestandteil, da man mit ihr Gefühle, Erinnerungen und Empfindungen wecken kann, die mit Worten nur schwer erreicht werden können. Sie hilft jedem einzelnen, auf seine individuelle Art Gedanken und Gefühle fließen zu lassen. Sie dringt zu Menschen durch, die beispielsweise dement und nicht mehr ansprechbar sind. Ich spiele viele Konzerte in Altersheimen, Behindertenheimen oder im Hospiz, und es ist auch für mich immer wieder ein Geschenk, zu sehen, wie ich diese Menschen für einen kurzen Moment in eine andere Welt entführen kann.
Für mich als Musiker ist es ein ganz interessantes Phänomen, wie viel Einfluss das Publikum auf meine künstlerischen Fähigkeiten hat. Wenn meine Musik den „Zweck“ hat, Trost zu spenden, einen Moment der inneren Ruhe zu Ehren des Verstorbenen zu schenken, dann wird Virtuosität und Brillanz nebensächlich. In diesem Moment, wenn ich mich von dem Bedürfnis perfekt spielen zu müssen, lösen kann, geht es auf einmal wie von selbst. Solche Momente sind für mich als Musiker sehr viel wert, da man die Kraft der Musik selbst spüren kann.

berenikebirth@gmx.de

 

Bernhard „Böny“ Birk, Piano, Akkordeon, Mundharmonika:

Die Sonne schien, dennoch war es ein nasskalter Wintertag. 6 Grad minus.
Ich reiste zum ersten Mal zum Steigfriedhof in Bad Cannstatt. Fand zum Glück direkt vor dem Haus des Friedhofaufsehers einen Parkplatz und spielte mich auf meinem Akkordeon kurz und leise ein. Ich war sehr gespannt auf mein Publikum. Wer wünschte sich von mir diesen so bitterbösen – wenn auch später im zweiten Teil doch noch versöhnlichen – Piazzolla-Tango „Adios Nonino“, zu Deutsch „Tschüss Opa“?

Ich entdeckte einen Gärtner, der einen Kranz niederlegte. So wusste ich, wo das Grab ist.
Ich polierte noch kurz mein Instrument mit meinen Handschuhen und wartete. Stille.
Die Trauergäste kamen irgendwann aus der Aussegnungshalle. Der Sarg wurde zum Grab geschoben. Um mich herum stand überraschenderweise eine fein gekleidete, typisch schwäbische Familie.
Einer der Sargträger nickte mir zu, und ich spielte los. Die Witwe zitterte vor Schmerz.

Da mit mir bis dahin kein Wort gesprochen wurde und ich niemanden vor Ort kannte, überfiel mich selber ein tiefes Gefühl der Einsamkeit und Vergänglichkeit. So sensibel und traurig hatte ich den Tango vorher noch nie gespielt. Ich kämpfte mit den Tränen.

Sicher waren derartige Klänge den meisten Anwesenden dort weniger vertraut. Aber gerade durch diese „Überraschung“ wird ihnen – wie mir – dieser Moment wohl noch lange in Erinnerung bleiben.

http://www.feedbackbrothers.de/band/

 

Andreas Großmann, Konzertgitarre:

Für mich als konzertierenden Musiker steht außer Frage, dass ein live-Auftritt etwas ganz Besonderes darstellt. Meine Erfahrungen auf der Bühne sind sehr unterschiedlich und jedes Mal wieder anders, aber immer bin ich davon überzeugt, dass die unmittelbare Nähe zum Publikum eine Beziehung herstellt, die man schwer in Worte fassen kann.
Ich tauche ein in die Musik, und was beim Nachhören aus dem Saal zurückkommt, ist ein Gefühl vom Publikum und meinen Klängen, das mich wiederum agieren und reagieren lässt und meine Interpretation formt.
Meine Erfahrungen bei einem Vorspiel auf einer Trauerfeier sind durchweg sehr positiv. Die Stimmung ist sehr besonders und lässt mich als Außenstehenden teilhaben an der Trauer für den verstorbenen Menschen. Die Trauergäste sind immer sehr dankbar und glücklich, die verstorbene Person mit so viel musikalischer Emotion begleitet zu haben.

http://www.muho-mannheim.de/personal/Bios/grossmann_andreas.htm

 

Martina Trost, Cello und Gesang:

Eine Trauerfeier musikalisch zu gestalten beinhaltet für mich mehrere Aspekte. Zum einen richtet sich die Musik direkt an die verstorbene Person. Oftmals wünschen sich Angehörige ein Lied, welches dieser Mensch in seinem Leben besonders gemocht hat. Durch das Erklingen solcher Töne wird noch einmal eine Verbindung zu dem Menschen hergestellt, ist er uns doch durch die Musik in der Erinnerung in seiner Lebendigkeit ganz nah.
Zum anderen richtet sich die Musik an die Trauergemeinde. Live gespielte Musik birgt die Chance, die Schwingungen der Trauernden aufzunehmen. Dabei sind die Formen unendlich. Es gibt improvisierte Musik, die im Hier und Jetzt entsteht und die in einem Trauerfall sehr konkret und treffend sein kann, aber es gibt auch Kompositionen, die einer persönlichen Bedeutung unterliegen. Die Musik möge den Hinterbliebenen die Chance bieten, angemessen trauern zu können. Sie ist ein Trost und kann dazu dienen, jemanden in Frieden und Versöhnlichkeit in eine uns unbekannte Sphäre gehen zu lassen. Derart verstanden ist Musik für mich ein Ausdruck der Zuversicht. Sie schlägt Brücken zu menschlichen Ebenen, die mehr spürbar als sichtbar sind. Die Trauernden sollen sich in ihrem Abschiedsschmerz geborgen und gehalten fühlen können.
Ich freue mich, wenn ich mit meinem Instrument und meiner Stimme einen Beitrag dazu leisten darf.

http://www.martina-trost.com/

 

Die Orgel ist für viele freie Trauerfeiern nicht das Instrument der Wahl. (Wiewohl ich mit Organisten zusammenarbeite, die auch über Smetanas „Moldau“ improvisieren oder Volkslieder spielen können – und mögen!) Mir ist wichtig, dass der passende Klang die Feier mitträgt. Ob man selbst im Kreis steht und tönt oder singt oder ob man einen Musiker engagiert. Im Gespräch finden wir gemeinsam das Passende.

Fragen zur Musik. Teil 1:

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