Kolumne Januar 2018

Mein letzter Leitz

Jahreswechsel. Altes geht, Neues kommt mit dem ersten Januar. Janus, der doppelgesichtige römische Gott, der unserem Monat den Namen gibt, blickt vor und zurück. Wissen wir, was er sieht? Was die Zeit uns bereithält?

Ich will mich an dieser Stelle einem Gegenstand widmen, der mit beidem zu tun hat: Der Vor- und der Rückschau. Diesen Gegenstand nenne ich meinen „letzten Leitz“.  Es handelt sich dabei um einen Ordner, in dem ich letzte Dinge niedergeschrieben habe und regele. Oder was man eben so nennt.

Es ist ein Rückblick und gleichzeitig ein versuchter Griff in die Zukunft, – zumindest nehmen die Inhalte, die darin abgeheftet sind, ihren Ursprung dort. Es sind Gedanken, Bestimmungen, aber auch offene formulierte Wünsche für den Zeitpunkt, wenn ich mich einmal vielleicht nicht mehr äußern kann und auch für den Zeitumkreis um meinen Tod.

Es finden sich im letzten Leitz:

Mein Testament, meine Patientenverfügung, meine medizinische Vorsorgevollmacht. Meine frei formulierten Zeilen dazu, welches Bild ich habe vom Menschen als Menschen. Meine Gedanken zum Leben und zum Sterben. Meinen Wunsch, wen ich, wenn´s soweit sein wird, gerne dabei hätte. Also solche eher mein inneres Leben betreffenden Dinge.

Und dann auch ganz Technisch-Handwerkliches: Welche Bank- und E-Mail-Konten zu löschen sind, welche Versicherungen und Mitgliedschaften zu kündigen sind, wo was zu finden ist, und so weiter. Und: wer das bitte machen möge. Und auch dies: wie ich mir meine Trauerfeier vorstelle, welche Bestatterin beauftragt werden und wo das Grab sein soll, wer reden möge bzw. wie ich mir den Rahmen wünsche.

In all das formuliere ich viel Freiraum hinein. Meine Angaben sollen nicht an den falschen Stellen binden. Sie sollen denen, die hinterbleiben, Orientierung geben.

Mein letzter Leitz. Einerseits ist das ein Ordner in meinem Aktenschrank. Andererseits ist es ein Themennachmittag, den ich auch so nenne: „Mein letzter Leitz“. Ich lade an diesem Nachmittag Familie und Freunde zum Kaffee ein, um den Ordner und seinen Inhalt vorzustellen. Um Fragen zu besprechen. Sonntagnachmittags für ein Stündchen, das auch länger werden darf.

Indem ich mich selbst mit den Fragen beschäftige, die mit meinem Sterben zu tun haben, und indem ich das Gespräch mit nahen Menschen darüber führe, ist dieser Ordner Anlass und praktische Hilfe für mich, das Tabuthema Tod wieder ein Stückchen mehr abzutauen.

___

Literatur-Tipp zum Thema:

Elena Ibello, Anne Rüffer (Hg.): Reden über Sterben.

Rüffer und Rub Sachbuchverlag Zürich, 1. Aufl. 2016, ISBN 978-3-906304-07-6

(zurück zur Startseite) (Archiv)